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Description
Das Motiv des Knaben durchzieht das gesamte Schaffen von Ferdinand Hodler. 1874 stellt sich der damals noch bei Bartelemy Menn lernende 21-Jährige selbst im Atelier dar. Das Bild ist zwar in rea¬listischer Manier gemalt, wird aber durch den strengen, schwarzen Anzug, den der junge Künstler trägt, und die Se¬gens¬¬geste seiner rechten Hand symbolisch aufgeladen. Ein Jahrzehnt später steht im gleichna¬mi¬gen Bild ein nack¬ter Jüngling mit sehnsuchtsvoll nach vorn gestreckten Armen im Zwiegespräch mit der Natur. Anfang der 1890er-Jahre taucht der Knabe mit Pagenschnitt, kurzen Hosen und Trägerhemd kniend in den verschiedenen Vari¬anten des Gemäldes «Anbetung» auf, der dann in derselben Periode stehend den Protago¬nisten für das erstmals «Bezauberter Knabe» betitelte Werk abgibt: Er steht im leich¬ten Ausfallschritt auf einer mit zarten, blauen Blumen bewachsenen Wiese und hält in jeder Hand eine lang¬stie-lige Blume. Seine Arme liegen eng am Körper, so dass sich nicht entscheiden lässt, ob er die Blumen mit ausgestreckten Unterarmen vor sich hält oder die Arme am Körper herunterhängen. Diese Ambivalenz von Stehen und Schreiten, Fläche und Raum gibt der Figur neben dem Knaben¬alter ihren schwebenden, androgynen Charakter. Das ist kein Junge, der im nächsten Mo¬ment losrennt, spielt und tobt, sondern – wie die Figuren von vergleich¬baren Gemälden aus dieser Schaffensphase des Künstlers – der «Ministrant einer diessei¬tigen Religion; die Form ihrer Meditation ist die Versenkung in die Natur» .
Der symbolistische Künstler schuf mehrere Versionen dieses für ihn zentralen Motivs des Blu-men haltenden Knaben in Land¬schaft; das 2016 dem Kunstmuseum vermachte Werk in¬ten¬-siviert Hodler gegenüber der Ver¬sion von 1894 dadurch, dass er die Darstellung farblich und formal reduziert, den Raum noch mehr in die Fläche bindet und die Grasnarbe die Figur wie eine Aura einfassen lässt. So wird aus dem einfachen Knaben endgültig ein überirdischer Bote – verwandt nurmehr dem Erzengel Gabriel, der bei der Verkündigung an die Jungfrau Maria ebenfalls eine langstielige Blume in der Hand hält und ebenso geschlechtslos ist. Heinz Stahlhut
Provenance
Kunstmuseum Luzern, Schenkung Monika Widmer
Eingangsjahr: 2016
Provenienz/ Provenance
Henry B. Simms, Hamburg, 1918-1922
Erben Henry B. Simms, Hamburg, 1922-1930
Paul Cassirer und Hugo Helbing, Berlin, 14.11.1930, Lot 50 (Stehender Knabe)
Moderne Galerie Heinrich Thannhauser, Luzern, [1932]
Privatbesitz, Luzern, seit 1932
Monica Widmer, Luzern, spätestens seit 1998
Kunstmuseum Luzern, Schenkung Monica Widmer 2016
Bibliografische Referenz/ Bibliographical References
Ferdinand Hodler: Catalogue raisonné der Gemälde: Bd.3 Die Figurenbilder, hrsg. von Oskar Bätschmann und Paul Müller, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2017
Unmittelbare Quellen (Dokumente mit unmittelbarem Bezug zum Objekt)/ Primary Sources
Weitere konsultierte Quellen/ Further sources
• Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen, Berlin
• Cultural Plunder by the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg: Database of Art Objects at the Jeu de Paume
• Database “Central Collecting Point München” Database “Kunstsammlung Hermann Göring”
• Getty Provenance Index, German Sales Catalogs
• Lootedart.com Lost Art
• Répertoire des Biens Spoliés
• Verzeichnis national wertvoller Kunstwerke (“Reichsliste von 1938”)
Zusammenfassung/ Conclusion
Das kleinformatige Gemälde wurde dem Kunstmuseum Luzern 2016 aus dem Nachlass der 2012 verstorbenen Luzernerin Monica Widmer geschenkt, in deren Familienbesitz es sich – nach Auskunft an des SIK-ISEA 2006 – seit 1932 befand. In diesem Jahr wurde das Bild bei der Luzerner Galerie Thannhauser angeboten und in Privatbesitz verkauft, dürfte also von dort an die Familie Monica Widmers verkauft worden sein.
Kategorie A
Exhibition History
Von früh bis spät. Bilder des Alltags aus der Sammlung des Kunstmuseums Luzern, Luzern, 04.03.2017 - 26.11.2017
NEWS! Erwerbungen im Kontext der Sammlung , Luzern, 09.03.2019 - 16.06.2019